Dienstag, 12. Oktober 2010

Tag 25, Samarkand

Ruhetag

Two handsome Austrians looking for a ride


7.50 h. Vachtang tritt auf. Angeblich der beste Mechaniker Samarkands. Auf jeden Fall ist er pünktlich. In seinem Tarnanzug würde er heute Morgen auch einen feinen Rebellenführer abgeben.



Der gedrungene Herr (im Tarnanzug) ist kein Rebellenführer, sondern Samarkands bester Mechaniker.
















Wie erwartet spricht Vachtang kein Englisch. Unser Übersetzer auch nicht. Der Indianer wird wortlos in die Werkstatt geschleppt. Unsere Erwartungen an deren Qualität haben wir vorher eisern nach unten gedrückt. Unsere Hoffnung liegt vor allem auf Vachtangs Zauberhänden. Jetzt sind wir trotzdem platt. Wir stehen mitten in einem beachtlichen Autofriedhof. Erst ganz hinten, am Ende der maroden Reihen, eine Hütte. Hans wird leise.




Hinter langen Reihen maroder Moskwitschs und Ladas verbirgt sich Vachtangs Werkstatt. Zu unserer Überraschung gibt es sogar Strom.



Die Tür zur Werkstatt öffnet sich. Hans wird still, ganz still. Wir fragen uns, ob es hier Strom gibt. Vachtang bemerkt unsere Zweifeln nicht. Er bereitet zügig die Operation vor.

Der Indianer wird in das finstere Loch über eine Arbeitsgrube geschoben. Ah, doch Strom. Eine nackte Glühbirne gibt dem Meister Licht und eröffnet uns den Blick auf einen atemberaubenden Misthaufen. Bei Mclaren arbeiten sie anders.




Expertengipfel auf russisch. Einem kommt das alles nur spanisch vor.












Bevor wir die Sprache wieder finden, hat Wachtang schon die Ölwanne herunten. Nicht viel später den gebrochenen und drei weitere verdächtige Kolben ausgebaut. Die Stimmung sinkt von Null ins Minus. Alle Kolben zeigen lange Risse. Noch 500 km, und sie zerbröseln ebenfalls. Ein prächtiger Motorschaden.

Ungerührt bellt Vachtang Anweisungen in sein Handy. Eine Stunde später die Antwort. In ganz Samarkand gibt es keine auch nur halbwegs passenden Kolben. Er telefoniert wieder. Jetzt wird in Taschkent danach gesucht. Das dauert. Ein Ergebnis erwartet er für 17 h. Bis dahin ist nichts zu tun.


Das Styling der Werkstatt kratzte ein wenig am Vertrauen, das wir Vachtang entgegen warfen.


Aber vielleicht sind wir verwöhnten Europäer auch etwas übersensibel.

Wir fragen nach dem Zeitplan im günstigsten Fall. Vachtang windet sich und versetzt uns die nächste Hieb. Wenn alles, wirklich alles glatt läuft, dann könne er bis Dienstag Abend den Motor flott bekommen. Heute ist Freitag, ein Feiertag. Alle Firmen, die Zylinder bohren und Kolben schleifen, arbeiten erst wieder am Montag. Falls er in Taschkent keine verwertbaren Kolben findet, dann wird es überhaupt Freitag nächster Woche.




Der Indianer am OP-Tisch. Eine Herzoperation mit Hammer und Beißzange.















Vachtang weiß, was er tut. Im Handumdrehen entfernt er die Ölwanne, nur wengg später liegen die ausgebauten Kolben vor uns.










Die falsche Antwort. Selbst im besten Fall, können wir somit erst Dienstag Nacht starten. Die Grenze nach Turkmenistan ist von 19 h bis 7 h geschlossen. Also Ausreise erst am Mittwoch. Mein Visum läuft Dienstag ab. Der Tross wird sich dann schon 2.500 km weiter im Iran, kurz vor der türkischen Grenze, befinden. Ich brauche einen Schnaps. Auch das klappt nicht.

Alle Versuche, Vachtang auf einen früheren Termin zu fixieren, prallen an ihm ab. Dienstag Abend, keine Stunde früher. Wir erbeten uns Bedenkzeit. Müssen jetzt ohnehin auf die Nachrichten aus Taschkent warten.


Brüder in der Not. Kolben Nummer 4 hat seine Zellteilung schon hinter sich. Kolben Nummer 3 hinkt in seiner Entwicklung nicht weit hinterher

Zurück in der Hotellobby Wir bauen unseren war room direkt vor der Hotelbar auf. Aus logistischen Überlegungen.

Unsere Optionen sind übersichtlich. Die Strategie steht rasch. Plan A: Reparieren macht nur Sinn, wenn bis spätestens Dienstag Mittag fertig, damit wir am gleichen Tag noch vor 19 h die turkmenische Grenze erreichen. Dafür müssen in Taschkent brauchbare Kolben gefunden werden. Und selbst dann bleibt zu entscheiden, ob wir Vachtang diese Herzoperation mit Hammer und Beißzange zutrauen.

Keine Kolben in Taschkent löst automatisch Plan B aus: Wir laden den Indianer auf einen Truck und bringen ihn morgen Früh mit dem Tross zur Grenzstation. Über die Grenze selbst muss uns ein Kollege schleppen. Auf turkmenischer Seite wieder auf einen anderen Truck. Die gleiche Übung würde uns an der turkmenisch-iranischen und der iranisch-türkischen Grenze bevorstehen. Nach sieben Tagen Huckepack hoffen wir in der Türkei auf bessere Umstände für die Reparatur: passende Kolben, passende Werkstätten, passendes Know-how.

Unerwartet tut sich eine dritte Option auf. Akmal, einer der blauen Betreuer von Kirgyz Tours, stammt aus Samarkand. Na klar kenne er den besten Kolbenmacher der Stadt. Für Geld arbeite dieser gewiss auch am Wochenende. Hoffnung rührt sich Würden wir bis Montag Mittag sechs neue Kolben und geschliffene Zylinder haben, könnte Vachtang den Motor bis am Dienstag Morgen fahrbereit machen.


Humor hat, wer trotzdem lacht. Mein Partner beim Chill-out in einer der vielen Werkstätten dieses Tages.

Sofort mit einem Kolben ins Auto. Es ist 13 h. Soweit wir verstehen muss das Geschäft über den Besitzer einer anderen Werkstätte laufen. Oder ist er nur der Freund des Besitzers? Egal, Vachtang wird in jedem Fall sauer sein. Das Taxi bringt mich zu einer Werkstatt, wo wir heute morgen schon waren. Andreas und Rainer versuchen dort seit sieben Uhr früh ihren Bentley flott zu kriegen. Mein Kontaktmann kommt nach 15 Minuten. Er heißt Ahmet und spricht nur russisch. In seinem Auto geht´s weiter zum Kolbenmacher. „Masta“ ist das russische Wort für ihn. Wie daheim in Simmering.




Mit Ahmet auf Kolbenjagd. Ist er der Chef, ein Freund des Chefs oder nur zufällig dabei gestanden. Keine Ahnung. Hauptsache er liefert uns den "Masta".









Nach 25 Minuten halten wir in einer Wohnsiedlung irgendwo in Samarkand. Davor haben wir schon an drei anderen Stationen nach dem Masta gesucht. Jetzt parken wir in einer leeren Gasse vor seinem Haus. Zehn Minuten vergehen. Zwanzig Minuten. Kein Masta. Soweit ich verstehe, muss er jeden Moment nach Haus kommen. Ein Auto rollt heran. Nicht der Masta, sein Bruder. Er geht ins Haus, nach fünf Minuten heißt es, der Masta kommt gleich raus zu uns. Wie? Ist er die ganze Zeit schon im Haus? Ja, aber er schläft. Seine Frau traut sich nicht, ihn aufzuwecken. Dafür hat sie den Bruder gerufen. Der wagt sich jetzt an die heikle Aufgabe.

Wieder zehn Minuten später ist die Gasse voll mit jungen Männern. Mittlerweile haben sich auch die Nachbarn eingebracht. Alle warten wir auf Masta. Alle reden russisch.


 Vor des Mastas Haus. Zuerst 20 Minuten Einöde, dann füllt sich der Platz. Der schlanke Bursche in der Mitte ist übrigens der kleine Masta. Er schafft vier neue Kolben am Tag, sagt er.

Der Masta steht schon längst neben mir. Es ist einer der jungen Burschen. Genau genommen ist der kleine Masta, sein Sohn. Höchstens siebzehn, aber genau so qualifiziert wie der Alte, heißt es. Mir kommen Zweifel. Zum einen, ob Masta wirklich existiert. Zum zweiten, ob der kleine Masta wirklich schafft, was er verspricht, nämlich vier nagelneue Kolben pro Tag. Er habe die nötigen Maschinen, er habe die Werkstatt. Wenn er morgen früh beginne, dann habe er bis Sonntag Abend alle sechs Kolben und die Zylinder fertig. Ein Wunderkind. Sofern ich ihn richtig verstanden habe.

Hans reagiert auf die Frohbotschaft verhalten. Er hat mittlerweile im Hotel Plan B im Detail vorbereitet. Er ist skeptisch, was die Professionalität und Verlässlichkeit der uns umgebenden Fachleute betrifft. Nicht zu Unrecht.



Samarkand hat vermutlich seine Reize. Wie schon gesagt war diesmal dafür nicht die richtige Zeit.











Wir vereinbaren ein finales Treffen mit Vachtang. Showdown am Autofriedhof. Es ist halb acht und finster. Sie hätten passende Kolben in Taschkent aufgetrieben. In einem alten BMW 535. Es liegt jetzt an uns. Wir müssen entscheiden, ob sie noch in der Nacht hergebracht werden. Wir bringen die Option mit dem kleinen Masta auf den Tisch. Vachtang verdreht die Augen. Es ist besser, dass wir ihn jetzt nicht verstehen. Eines ist aber klar: mit dem Masta will er nichts zu tun haben.

Ein neuerlicher Versuch, den Zeitplan zu straffen. Vachtang ist beweglich wie ein Hinkelstein. Dienstag Abend, keine Stunde früher. Dafür wird alles picobello. Nochmals zehn Minuten Zwiegespräch. Wir trauen ihm nicht. Nicht, dass er Dienstag schafft. Nicht, dass der Motor bis Paris hält. Nicht, dass die geforderten 2500 Dollar gut investiert sind. Außerdem haben wir noch das Visumthema. Wir bedanken uns mit 350 Bucks für sein Engagement und fahren mit einer Familienpackung Superfrust ins Hotel.

In der Lobby wartet der nächste Hammer. Elena, die elegante Chefin der Partneragentur von Kirgyz Tours, informiert uns, dass es praktisch keine Möglichkeit gibt, ein Auto durch Turkmenistan zu schleppen oder zu transportieren. Zehn Kilometer nach der Grenze warte eine Pontonbrücke, dort müssen Autos aus eigener Kraft übersetzen. Schleppen oder auf Trucks sei verboten. Außerdem dürfen nur ganz wenige Trucks in eine 40 km breite Sperrzone vor der iranischen Grenze einfahren. Sie würde deshalb auch gar keinen Sinn darin sehen, für morgen früh einen Autotransporter bis zur Grenze zu organisieren.


Unser charmante Betreuerin Elena fügt uns den nächsten Tiefschlag zu. Keine Chance, den Indianer durch Turkmenistan zu schleppen.

Den Freunden Andreas und Rainer ist das egal. Sie haben heute besagte Werkstatt nach zwölf Stunden in einem vollständig gesundeten Bentley verlassen. Einen Kilometer später stehen sie neuerlich am Straßenrand. Gleiche Scheisse wieder, doziert Rainer. Aber sie haben schon neue Ersatzteile organisiert. Diese werden von einem Flugboten persönlich nach Ashgabat, unserer übernächsten Station gebracht. Wurscht was Elena labere, sie laden ihr Auto morgen auf den LKW.

Auf uns wartet nichts in Ashgabat. Wir fragen uns, ob sich das Risiko lohnt. Selbst für den Fall, dass wir die Türkei erreichen, haben wir dort nicht mal den Ansatz einer Lösung parat.

Hans hat einen Plan C:  Er sei mit einer türkischen Spedition in Kontakt. Sie laden am Montag Medikamente in Samarkand ab und könnten mit dem Indianer bis Istanbul zurück fahren. Weil der Wagen auf ihn registriert ist, kann er ohne Auto oder ohne Versandbestätigung Usbekistan nicht verlassen. Außerdem laufe sein Visa um zwei Tage länger als meines. Der türkische LKW hat noch Platz für einen Passagier. Er würde am Montag das Auto laden und im LKW nach Istanbul mitfahren. Ich dagegen würde mit einem der Teilnehmer die Rallye weiterfahren. Schließlich würden wir einander in sechs Tagen in Istanbul treffen und hoffentlich bis dahin ein Comeback organisiert haben.

Für Plan C habe er am Nachmittag schon eine Anfrage ans offizielle Notice Board gehängt „Two handsome Austrians looking for a ride to Istanbul“. Ein Welle aus zwei Angeboten sei bis jetzt eingegangen.

Wir gehen nochmals alle Optionen durch. A, B, C, nach zwanzig hitzigen Minuten steht fest: Wir geben auf, zumindest vorerst. Keine Reparatur, kein Weiterschleppen, sondern Transport nach Istanbul. Hans begleitet den Indianer, ich begleite als Gast von Nici und Craig, unseren neuseeländischen Freunden, den Tross.

Es ist 23 h. Fast alle schlafen schon. Morgen um 5 h ist Tagwache. Wir bestellen noch eine Flasche Wodka. Der war schon den ganzen Tag fällig. Er überlebt nicht lang. Wir verabschieden uns voneinander vor dem Einschlafen. Hans wird mir fehlen. Egal was im Fernsehen läuft.



Liebe Freunde unseres Blog,
in Samarkand endet unser gemeinsames Rallye-Abenteuer. Es wäre logisch, wenn auch unser gemeinsamer Blog an diesem Punkt aufhört. Wir danken allen regelmäßigen und gelegentlichen Lesern für die Aufmerksamkeit und für die Aufmunterung, die uns als Postings, als Mails und als SMS erreicht haben. Es war immer gut zu wissen, dass Freunde mit im Wagen sitzen.

Wie es aussieht werden wir Paris trotzdem erreichen. Nicht mit dem Indianer, anders. Auf vielfachen Wunsch (klingt total gebacken, stimmt in diesem Fall aber wirklich) hört der Blog hier dennoch nicht ganz auf. Wir werden ihn als Light-Version weiter führen. Und zeigen, was seither in Samarkand, in Turkmenistan, im Iran und in der Türkei alles zu erleben war.

Bis bald.

Herbert & Hans


Montag, 11. Oktober 2010

Tag 24, Taschkent - Samarkand

315 km / Sollzeit 6.14 h / keine Sonderprüfung

14V0072

Ein perfekter Tag. Wieder Sonne. Wir hatten seit Peking kaum eine Wolke gesehen. Eine gemütliche Kurzetappe steht an. 315 km auf guten Straßen mit reichlich Zeit und einem gesunden Indianer. Wir freuen uns auf Samarkand.


Neuer Tag, neue Fans. Der Indianer verfügt über magische Anziehungkräfte.
 

Problemlösung auf luxemburgisch. Der Bentley Tourer von Marco Rollinger macht in der Mongolei schlapp. In Almaty wartet dank Luftfracht schon der Ersatzwagen, dieser aparte Lancia Aurelia.
Problemlösung auf australisch. Roger Allen begräbt sein Lasalle Coupe auf der ersten Mongolei-Etappe. Er gönnt sich in Ulan Bator einen nagelneuen Landrover Discovery und fährt jetzt mit alter Startnummer, aber luftgefedert nach Paris.

Nach 40 km ein Schlag vorne im Auto. Nicht laut, nicht beunruhigend. Für mich ein Stein an die Rutschplatte. Hans ist sofort mißtrauisch. 

Keine Veränderung am Auto spürbar. Keine strengen Geräusche, kein Leistungsabfall. Wir rollen ein paar Minuten vorsichtig dahin. Nichts passiert. Wahrscheinlich doch ein Stein.

Plötzlich Rauch. Grausliches Kreischen. Notfall. Sofort rechts ran. Der Puls schießt über 100. Motorhaube auf, nichts zu sehen. Motor starten. Er springt tatsächlich an. Der Rauch tritt jetzt an der Seite des Motorblocks aus. Das Kreischen ist überall. Motor wieder aus. Alle Zündkerzen raus. Die dritte und vierte sind ölig. Nicht gut. Die vierte Kerze war locker.
Beim Blick in den sechsten Zylinder weiten sich unsere Pupillen: etwas Goldfarbenes glänzt durch die Kerzenöffnung. Mit einer Pinzette fischen wir eine unversehrte Schraubenmutter heraus. Ein Rätsel. Wie kommt sie da hinein? Auch die gerade eingetroffenen Mechaniker der Sweep Crew, dem Lumpensammler, haben dafür keine Erklärung. Gar keine.

Ein kurzer Schlag, leicht zu überhören. Kurz danach stehen
wir mit rauchendem Motor.

Die verlorene Mutter ist aber nur ein Randproblem. Wir stehen aus einem anderen Grund. Diesen werden wir hier am Straßenrand nicht finden. Wir überreden einen stehen gebliebenen LKW-Fahrer, uns an die Leine zu nehmen. Nach Samarkand will er uns nicht schleppen. Erstens sind das noch gut 270 km, zweiten muss er ganz woanders hin. Die nächsten Stadt lässt er gelten.


Trouble in paradise. Ratlose Rote Engel beraten sich mit einem
usbekischen Trucker. Die ideale Konstellation für keine Lösung.


Dort gleich Menschenauflauf. Lokale Tüftler drängeln sich um die offene Motorhaube. Viele Professoren, viele Meinungen. Zum Glück können wir keiner folgen. Ein anderes Serviceauto trifft ein. Bob Manchorov ist Bulgare, der seit Jahren in London als Mechaniker ordiniert. Und er ist genau das, was wir jetzt brauchen. Ein Mann der Tat, nicht der These. Außerdem spricht er fließend Russisch.

Zwischenhalt in Chinoz. Noch mehr Leute, noch weniger Antworten.

Der richtige Mann zu richtigen Zeit. Bob Manchorov, englisch-bulgarischer Praktiker, ortet in 15 Minuten das Problem. Leider.

Bob hebt den Zylinderkopf runter. Auto vor und zurück. Ein erster konkreter Verdacht. Kann sein, dass der vierte Kolben in der Mitte gebrochen ist. Er schiebt nach oben, bewegt sich aber nicht zurück. Mehr Analyse geht auf der Straße nicht. Eine Werkstatt muss her.


Der Blick ins Innere offenbart Böses. Der vierte Kolben steckt. 
Bob vermittelt uns einen besseren Schlepper. Für 100 Dollar zieht er uns die 250 km nach Samarkand. 40 Cent der Kilometer. Eine Schnäppchen. Zumal wir nicht sicher sind, ob er überhaupt nach Samarkand wollte.

Fünf Stunden die selbe Aussicht: eine weiße Rückwand, auf der "14V0072" steht. Gleich Doppelt. Der Anblick wird mir bleiben. Tankstopp in Jizzakh. Zeit für Plan B.

Nach fünf Stunden haben wir uns das Kennzeichen
14V0072 ein für alle Mal gemerkt.


Autobahnrast. Weiche Kekse und warmes Fanta.
Nichts passt besser in diesen Tag.


Ich halte das nächstbeste Auto an, frage den Fahrer, ob er mich nach Samarkand mitnimmt. Er nickt. Zeichnet 20 Dollar auf einen Zettel. Deal! Ich muss mit der Zeitkarte vor 17.22 h im Hotel aufschlagen, sonst fassen wir wieder zwölf Stunden Strafe aus. Im Schlepp geht das sicher nicht. Mit Altor, meinem neuen Fahrer, vielleicht.

Stopp an der Gastankstelle 100 km vor Samarkand. Zeit für Plan B.

Nach zwei Minuten ist klar, dass wir 17.22 h locker schaffen. Altor ist der uneheliche Sohn von Ayrton Senna. Selten sinkt die Tachonadel unter 120. Oft fahren wir dem Vordermann fast ins Heck.

Einfahrt in Samarkand. Die Stadt hat gewiss mehr zu bieten als dieses Foto zeigt, aber dafür ist jetzt keine Zeit.

Um 16.59 h stemple ich bei der letzten Zeitkontrolle. Mir ist noch immer schwindlig. Hans trifft knapp eine Stunde später ein. Die Roten Engel warten schon am Hotelparkplatz. Mit einem Schraubenzieher wird der vierte Kolben herausgekitzelt. Tatsächlich, der Länge nach gebrochen. Und das ist nicht alles: Die Wände von drei weiteren Zylindern haben tiefe Furchen. Ein Super-GAU.

Altor, mein Held. Für 20 Dollar in Rekordzeit von Jizzakh nach Samarkand.

Es ist schon dunkel. Um mehr sagen zu können, müssen alle Kolben ausgebaut werden. Das geht nur in einer Werkstatt. Unser Betreuer von Kirgyz Tours weiß Hilfe. Sein Freund kennt den besten Mechaniker von Samarkand. Den brauchen wir mindestens. Er wird morgen um 8 h früh hier sein und das Auto in seine Werkstatt schleppen.

Vom Buffet nehmen wir das Nötigste. Kein Appetit. Das Bier schmeckt auch nicht. Frust pur. Mehr als ein Dutzend Freunde sprechen uns Mut zu. Oder drücken uns ihr Beileid aus.




Höflich und eindeutig. Der letzte Absatz liest sich wie Zuckerwatte, fördert aber nicht eben unsere Nachtruhe.


Freitag, 8. Oktober 2010

Tag 23, Shymkent - Taschkent

260 km / Sollzeit 4.00 h / keine Sonderprüfung

I love Taschkent!

Heute wieder eine Grenze, deshalb Start schon um 7.12. Sogar hier ist der Frost nicht weit. Bei der Zeitkontrolle im Hotel Shymkent warten Andreas und Rainer. Sie haben gestern wieder bis Mitternacht am Bentley geschraubt. Heute Morgen grinsen sie trotzdem.

Das tägliche Morgenexerzitium in der Hotellobby. Anstellen für den korrekten Zeitstempel.
Immer gut drauf, auch wenn der Bentley muckt. Die deutschen Freunde Rainer Wolf (links) und Andreas Pohl. Schon um sieben am Morgen ein Lachen im Gesicht, ganz ohne Zusatzstoffe.

Die Strecke anfangs monoton. Wüste und Steppe wie seit 1000 km. Die Grenze ein Stück Kuchen. 90 Minuten. Nicht für Freund Thomas Feierabend. Sein Visum ist gestern abgelaufen. Die Kasachen lassen ihn eine Stunde dunsten, verhören ihn, dann wieder dunsten. Letztlich löst ein grüner Zwanziger alle Probeme in zehn Sekunden.



Die eine Sehenswürdigkeit auf der Strecke: eine Arche-Noah-Replika . Seit das E-Werk einen Strommast ausgerechnet dahinter hingesetzt hat, wurde aus ein Arche als Segelboot.

Mastenwald im Sand. Man kann den Kasachen ja viel vorhalten, aber bei der Stromversorgung lassen sie sich nicht lumpen.

Nicht das erste Kamel, das wir sehen, aber das erste, dass wir bei Tempo 90 mit der Kamera ungeteilt erwischen konnten.

Bei uns fahren die Kids mit dem Radl, hier rasen sie mit einer ES dahin.



Tankstelle mit Snackbar. Genau hier hat mein kleines Verdauungsthema seinen Anfang.








Vorhang auf. Neuer Akt, neue Kulisse. Usbekistan. Alles schaut anders aus. Vor fünf km noch Wüste, jetzt satte Felder. Vor fünf km bestenfalls Äpfel am Straßenrand, jetzt Stände, die von Coca Cola bis zum Sandwich alles bieten. Vorher Löcher in der Straße, jetzt Autobahn. Die Usbeken sind keine Nomaden. Sie machen sich die Erde untertan. Wie angeschafft.


Schlange am kasachischen Zollposten. Nicht für uns. Dank Kirgiz Tours dürfen wir ganz vorne reinschneiden, und haben seither ganz viele Freunde in der Gegend.




Besser als die Autobahn nach Bischkek. Usbekische Straßen sind eine Wohltat.
Kein Stück Land wird  vergeudet.  Auch deshalb ist Usbekistan der fünftgrößte Baumwollproduzent der Welt.


Die Einfahrt in Taschkent toppt den Eindruck nochmals. Breite Boulevards üppig gerahmt von Blumen und Bäumen. Dahinter neue gepflegte Gebäude. Glas, Stahl, Sichtebeton. Das Volk schick herausgeputzt. Alles sauber. Es fehlt nicht viel auf Paris. Taschkent ist die Überraschung dieser Reise.


Zuerst wollen wir ja auf einen schnellen Kaffee nach Chilonzor, aber dann haben wir uns  etwas verfahren und sind in Yangiyo´l gelandet.

So schaut es fast überall im Zentrum von Taschkent aus. Breite Boulevards, lückenlose Alleen.  


Auf der anderen Seite eine Inflation, dass die Milch sauer wird. Hundert Euro sind 220.000 Som. Der größte Schein ist der Tausender. Also 220 Scheine, ein Stapel von sechs Zentimetern. Macht kein gutes Bild in der Hosentasche.

Wir reiten schon um 13 Uhr vor dem Interconti ein. Ein perfekter Sommertag. Alle schnurren, alle happy. Kaum noch Autos am Parkplatz, aber schon gut Hundert Fans. Drinnen gibts Bier und Cheeseburger und Wifi. I love Taschkent.

Gerd Bühler (links) hat sich von Thomas Feierabends Firma einen Lagonda für die Rallye aufbauen lassen. Ein nicht zu unterschätzender Betrag wechselte die Seiten. Inkludiert ist dabei ein 24-h-Fullservice des Chefs persönlich von Peking bis Paris. Der Erfolg gibt beiden Recht: Bühler/Feierabend liegen auf Platz sieben mit besten Chancen nach vorne.



Großes Hallo au dem Hotelparkplatz. Pro Auto drei Fans.









Dusche, Rasur, Frischwäsche. Der erste Stadtbummel dieser Reise. Wir steuern mit Gerd und Thomas den nächsten großen Basar an. Zwei Stationen mit der U-Bahn. Das Staunen hört nicht auf. Da unten schaut´s aus wie im Burgtheaterfoyer.

Der Basar ist eher was für Hobbyköche. Lange Reihen mit Obst, Gemüse, Nüssen, Gewürzen. Es riecht nach Orient. In der Fischhalle leisten wir uns ein Glas iranischen Kavier für zehn (!) Dollar. Wir finden kein Ablaufdatum, wirkt aber anständig. Augen zu, Mund auf und durch. Dazu gibt´s ofenwarmes Brot von der Bäckerei nebenan. Die Schwester der Chefin lebt in Essen. Mahlzeit.

Nicht die Taschkenter Oper, nur eine U-Bahnstation. Das Publikum bleibt aus.



In den Zügen schaut es dann wieder profaner aus.


Die Nussabteilung des Basars. Mandeln aus Persien, Walnüsse aus Tadschikistan. Die Wahl ist eine Qual.

In der Gewürzmeile gibt es dann kein Halten mehr. Mohammed füllt je ein Sackerl mit Safran, Chili und Koriander.




Das süße Leben, fast wie in Haugschlag. Ein zufriedener Geist pflügt mit dem Baguette tief durchs Kaviarglas.

Also das mit dem rechten Stoßdämpfer war so...! Der Herr Professor beim Privatissimum vor anspruchsvollen Hörern.



Wir haben Shaktar aufgetragen, er müsse das Auto halten, bis wir wieder zurück sind. Auf ihn ist Verlass.







Beim Dinner im Hotel steht allen die Müdigkeit im Gesicht. Das Programm zehrt, kostet sichtbar Substanz. Morgen nur eine Minietappe über 315 km, trotzdem will keiner ausgehen. Debriefing in der Hotelbar. Zwei kleine Macallan rund 90 Dollar. Das Staunen geht weiter. Ich schiebe vier Zentimeter Geld über die Theke und verabschiede mich mit glatter Hose.